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Alf Sieben Alltag Handeln Und Kultur
Keine Kultur ohne intellektuelle Neugier |  |
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Die Problemhaftigkeit menschlicher Existenz durch das Herausfallen aus der natürlichen Ordnung, die Vielfältigkeit gestalteter Vergangenheit, der Reichtum an Möglichkeiten gegenwärtigen Tunkönnens, die Menge möglicher zukünftiger Problemlösungen und Lebensgestaltung, schlicht die Unübersehbarkeit und Unübersichtlichkeit eigener wie fremder Existen und Essens veranlaßt in jedem einzelnen das Verlangen nach Hinweisen für Bezüge und Orientierungen innerhalb seiner eigenen Umwelt, wo möglich darüber hinaus. Die Suche nach Orientierungs- und Bezugssystemen ist ein Prinzip menschlicher Aktivität. "Es ist höchst bemerkenswert, daß wir keine einzige Kultur finden, in der ein solcher Orientierungsrahmen nicht vorhanden wäre. Und er fehlt auch bei keinem Individuum." Deswegen bleiben die Aktiven unter uns neugierig. Denn der Mensch ist auf der permanenten Suche nach Informationen in seiner Umwelt für seine Umwelt. Er muß es zur eigenen Orientierung sein. Neugier ist einerseits eine offensichtlich naive Ausforschung gegebener Tatsachen oder Personen der Umwelt. Andererseits ist sie die intellektuell erworbene Fähigkeit und die persönliche Tauglichkeit, bloßes Interesse an Anderem oder Neuem nicht instinktiv hinzunehmen sondern bewußt zu erfahren, um die Zukunft damit zu tränken.
Ohne objektiven oder subjektiven, ererbten oder erworbenen, generellen oder individuellen Orientierungs- und Bezugsrahmen, ob richtig oder falsch, gemessen an welchen Kriterien auch immer, kann der Mensch nicht existieren. Um die Welt begreifen zu können, muß dieser Rahmen mit der Realität in Einklang gebracht werden. Das heißt, jeder Mensch trifft für sich über sich und seine Umwelt "Hypothesen" über die Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Ereignissen und deren Konsequenzen. Dazu muß er beständig seine Annahmen, die tatsächlichen Ereignisse und deren Wirkung vergleichen mit der Auffassung anderer Mensch über den gleichen Sachverhalt. Es bleibt die immer notwendige Neugier um herauszufinden: Wie verstehen, erleben und verarbeiten die Anderen die Ereignisse unserer Alltagswelt, die ich persönlich so oder so empfinde, bewerte, beurteile und mit denen ich auf meine Art fertig werde?
Der heutige Mensch ist der Neanderthaler von morgen |  |
Der Wissenschaftsjournalist Hoimar von Dithfurt beschreibt denn auch die ersten psychischen Qualitäten von zum Überleben fähiger Organismen als Unterscheiden zwischen verschiedenen Umwelteigenschaften, Erkennen von für den Stoffwechsel wichtiger Faktoren und Auswählen zwischen nützlichen und nutzlosen Umweltfaktoren. Charles E. Osgood von der Universität Illinois hat Mitte der vierziger Jahre sein Meßinstrument des "Semantischen Differential" bzw des "Polaritäten Profils" entwickelt und damit amerikanische Untersuchungen, internationale und interkulturelle Versuche angestellt. Er ließ bestimmte Begriffe, z.B. Vater, Mutter, Liebe, Sex, Frieden usw., anhand von Eigenschaftspolaritäten, z.B. gut-schlecht, groß-klein, schnell-langsam usw . in ihrer Stärke einschätzen. Seine Ergebnisse hinsichtlich der psychischen Einstellung der Menschen zu Menschen, Dingen, Daten und Situationen haben drei Faktoren ergeben: Evaluation (Bewertung), Potency (Macht, Stärke, Durchschlagskraft) und Activity (Wirksamkeit, Handlung, Tätigkeit).
Aber warum, so fragt sich Osgood, sind diese drei Faktoren in allen Untersuchungen immer wieder mit der gleichen Mächtigkeit und Vorrangigkeit aufgetaucht? Sie sind, so seine generalisierende Antwort Grundhaltungen menschlicher Emotionen und Gefühle gegenüber ihrer Umwelt. Und in seine Schlußfolgerungen spiegeln fast den empirischen Beweis für das, was von Ditfurth hypothetisch angenommen hatte. Osgood faßt seine Ergebnisse zusammen: "Was für uns heute hinsichtlich der Bedeutung und des Aussehens einer Sache wichtig ist, genauso wie es in früheren Zeitaltern für den Neanderthaler wichtig war, das ist: Erstens, bedeutet es etwas Gutes oder Schlechtes für mich (Evaluation)? Zweitens, bezieht es sich auf etwas das stark oder schwach hinsichtlich meiner selbst ist (Potency)? Und drittens, aus Verhaltenssgründen, bezieht es sich auf etwas das aktiv oder passiv bezogen auf mich ist (Activity)?".
Daß wir in manchen psychischen und emotionellen Bereichen vor allem aber aus Sicht der Evolution nur einen kleinen Schritt weitergekommen sind, das schildert außerordentlich plastisch Hoimar von Ditfurth: "Unsere gewohnte Alltagswelt ist weder das Ende noch das Ziel und damit auch nicht die Begründung der Geschichte, die wir da vor so kurzer Zeit entdeckt haben. Wir sind, um es einmal so zu formulieren nur die Neanderthaler von morgen. Wir sind gewissermaßen dazu da, daß die Zukunft stattfinden kann."
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