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Alf Fünf Vom Primat Der Prozesse Über Die Strukturen

Als Evolution evolutionärer Entwicklungen die eigenen Systemgrenzen überschreiten    

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Als Evolution evolutionärer Entwicklungen die eigenen Systemgrenzen überschreiten   
Die Grundthemen sind überall dieselben: Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Selbsterneuerung   
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Das Aufrechterhalten von Homöostase, Gleichgewichtszuständen, das Zusammenwirken von Natur und Leben zur Abwehr von Störungen durch Versuch und Irrtum, das waren bis vor kurzem in den Augen von Human- und Naturwissenschaftlern jene mechanistischen Vorstellungen von den Weisen des Werdens in Natur und Verhalten, die die Vielfältigkeit der Formen und Arten hervorbrachte und den Bestausgerüsteten das Überleben garantierten. Heute haben Kybernetik und Systemtheorie, Relativitätstheorie und Unschärferelation, Evolutions- und Erkenntnistheorie dieses Erklärungsbild dynamisiert. Der neue Ausblick ist gekennzeichnet durch eine umfassende Sicht der Interdependenz von Prozessen und Systemen, einem ständigen Austausch und einer gemeinsamen Weiterentwicklung mit dem Umwelt-Umfeld und der Möglichkeit - als Evolution evolutionärer Entwicklungen - die eigenen Systemgrenzen zu überschreiten. Das neue Paradigma heißt Selbstorganisation, Selbstreflexion und Selbsttransparenz (Jantsch, W.: Die Selbstorganisation des Universums, München 1982). Der geisteswissenschaftlich erdachte und naturwissenschaftlich zementierte Unterschied zwischen "Innen" und "Außen", "Objekt" und "Subjekt", "Geist" und "Materie" hat sich überlebt. Diese Spaltung hat es in der Evolution nie gegeben. Energie, Materie und Information gehören zusammen. Ein Kennzeichen der Definition von Leben ist, wie es der Verhaltensforscher Konrad Lorenz formuliert hat, "die Leistung des Gewinnens und Speicherns von Information." (Die Rückseite des Spiegels, München 1977

In den Wissenschaften im herkömmlichen Sinn, so der Wissenschaftsphilosoph und Erkenntnistheoretiker Paul K. Feyerabend (Feyerabend 1982), folgt man gemeinhin einer Vorgehensweise, deren Rationalität darin ihren Ausdruck findet, daß man einen Untersuchungsgegenstand oder einen Prozeß durch passende Praktiken in klar abgegrenzte und scharf unterschiedene Elemente zerlegt, nach Regeln für deren Verbindungen, Vereinigungen und Veränderungen sucht. Somit erhält man einen Baukasten aus Bestandteilen von Elementen, Prinzipien und Instrumenten, womit man den Gegenstand aus seinen zergliederten Einzelteilen und gefundenen Gesetzen wieder zusammensetzt. Dabei wünscht man sich nichts sehnlicher, als daß das derart wiedergewonnene Gesellenstück beim Einsatz im Alltagsgebrauch baldmöglichst wieder kaputtgeht, im Prinzip also nach Gebrauch nicht mehr zu gebrauchen ist. Wissenschaftlich ausgedrückt heißt dieser Vorgang positive Bestätigung empirisch gewonnener Ergebnisse als mögliche Falsifizierbarkeit von Hypothesen durch ihr Scheitern an der Realität.

Deshalb hat die wissenschaftliche Klitterung ganzheitlicher Gegenstände und gesamtheitlichen Geschehens in Elemente und Gesetze mittels sonderlicher Methoden und Techniken für auf Erfahrung beruhendem Erkenntnisgewinn über die uns umgebende Wirklichkeit aus aufgestellten Behauptungen auch ihren Preis. Sie bringt es nämlich mit sich, daß das Gewinnen von Erkenntnissen und Vermehren von Einsichten in Vorgänge der unbelebten wie belebten Natur nicht mehr der inneren Logik des Beobachtungsgegenstandes, vielmehr dem äußeren Zwang der verwendeten Methoden und Techniken unterliegt.

Die Grundthemen sind überall dieselben: Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Selbsterneuerung    

Aus dieser Denkweise resultieren jene Dichotomien, wie z. B. Natur und Kultur, angeborene und erworbene Eigenschaften, Leib-Seele-Problem, Normen und Tatsachen, Vernunft und Praxis, Leben und Materie, Prozeßregelung und geregelter Prozeß, die den unweigerlichen Widerspruch von Wissenschaft und Welt konstruieren („Unsere Lösungen sind ihre Probleme“) und es so schwer machen, ein einheitliches Bild jenes „Weltprozesses“ (Feyerabend) zu erhalten, an dem wir teilhaben, denn zum einen „ist die Einheit des (wissenschaftlich) so Getrennten schlicht eine Tatsache“, zum anderen „steht dem vielfach aufspaltenden Denken und Handeln die reale Welt als einheitliches Gebilde gegenüber“.

Dies hat in den letzten 25 Jahren zu einigem Umdenken Anlaß gegeben; hat in der Wissenschaft von Prinzipien der Analogie (formale Ähnlichkeit) zu solchen der Homologie (wesensverwandte Gleichheit); hat beim Individuum zum Verständnis seiner integralen Eingebundenheit in die Evolution weg von einem Dasein als finalem Zweck; hat in der Gesellschaft zum Ende der Aufspaltung von Natur und Kultur geführt. Auf allen Ebenen der Wissenschaft gelang man allmählich zu einer Theorie der Ordnung durch Fluktuation als Fundament eines Verständnisses dynamischer, wechselseitig abhängiger durchgängiger Systemevolution durch eine Abfolge zeitweise zusammenhängender stabilisierter Strukturen

"Auf knappste Weise ausgedrückt", so Erich Jantsch, "läßt sich diese Sicht als prozeßorientiert bezeichnen im Gegensatz zur Betonung ´solider´ Systemkomponenten und daraus zusammengesetzter Strukturen...Die Grundthemen sind überall dieselben. Sie lassen sich in Begriffen wie Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Selbsterneuerung zuammenfassen, in der Erkenntnis einer systemhaften Verbundenheit aller natürlichen Dynamik über Raum und Zeit, im logischen Primat von Prozessen über Strukturen, in der Rolle von Fluktuationen, die das Gesetz der Masse aufheben und dem Einzelnen und seinem schöpferischen Einfall eine Chance geben, in der Offenheit und Kreativität einer Evolution schließlich, die weder in ihren entstehenden noch vergehenden Strukturen noch im Endeffekt vorherbestimmt ist." (Jantsch 1979, 1986)


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