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Einen größeren Denkschwenk - in den Wissenschaften nennt sich das ein „neues Paradigma“ oder ein „Paradigmenwechsel“ (Kuhn 1968) - in der Grundlegung der Darstellung von zentralen Zusammenhängen in Natur-, Geistes-, Human- und Gesellschaftswissenschaften wird es in der Betrachtung nach mehr als einem Vierteljahrhundert systemtheoretischen Argumentierens auch für unseren Gegenstand: der „Alltäglichen Lebensführung“, wohl zukünftig allgemein geben müssen.
 | | "Mit 'Alltag' bezieht man sich erstens auf bestimmte Wissensformen, die man mit anderen…zum Beispiel wissenschaftlichen Wissensformen kontrastieren kann. 'Alltag' kann zweitens besondere Handlungsformen und ihre Institutionalisierung bezeichnen (Alltag und Arbeit, Alltag und Freizeit). Mit 'Alltag' umschreibt man drittens in einer räumlichen Art gewisse Lebens- und Tätigkeitsbereiche, einen Handlungsraum, einen Ort und eine Modalität." (Thomas Gil: Kulturphilosophie des Alltags, Berlin 1999) |
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Die Beschäftigung mit der Alltäglichen Lebensführung ist für den Alltagsmenschen gewöhnlich, für die Wissenschaften neu. Der „Alltag als Ort und Modus“ wurde von den (Geistes-) Wissenschaftlern immer skeptisch betrachtet und musste „als Ort der Produktion und Zirkulation von blossen Meinungen im Unterschied zum wahren Wissen…für Anderes, Besseres, Edleres und Erhabenes Platz machen“, das philosophische System, die ontologische Letztbegründung, den endgültigen Beweis. (Gil 1999) Dabei ist der Alltag der "Boden" (Edmund Husserl) auf dem auch die Wissenschaftler stehen, wenn sich geistig über ihn – den Alltag – erheben. "Dabei ist der Alltag der Ursprungsort jener Grundbedeutungen und Sinnesressourcen, welche Menschen wie selbstverständlich gebrauchen, wenn sie denken, argumentieren und Theorien konstruieren." (Gil a. a. O.) Das zu akzeptieren ist nicht selbstverständlich und schon gar nicht einfach: "Wenn ein Naturforscher erklärte, er wolle nur mit dem Löwen und Adler, der Eiche und Rose, mit Perlen und Edelsteinen, nicht aber mit widerwärtigen und häßlichen Gegenständen sich beschäftigen, so würde er einen Sturm der Heiterkeit entfesseln…Alles das ist so einfach und selbstverständlich, daß man sich scheuen müßte, es öffentlich auszusprechen, wenn es nicht das Schicksal des Einfachen und Selbstverständlichen wäre, daß es in bitterem Sinn erkämpft werden muß." Das hatte K. Krumbacher in seiner Geschichte der byzantinischen Literatur 1891 bereits deutlich erkannt.
"Einfaches und Selbstverständliches" ist nicht immer gleich "Gewohntes und Alltägliches" |  |
Dieses wissenschaftliche Schicksal des "Einfachen und Selbstverständlichen" teilte bis in das auslaufende vergangenen Jahrhunderts hinein auch die Betrachtung des "Gewohnten und Alltäglichen": die Alltägliche Lebensführung fristete als eher ridiküle Residualkategorie individuell-subjektiver Interpretationen menschlichen Erlebens- und Zusammenlebens mehr ein Nischendasein unter der allgegenwärtigen Betrachtungsweise "objektiver gesellschaftlicher Verhältnisse" als bevorzugtem Erklärungsmuster sozialwissenschaftlicher Erscheinungen und Zusammenhänge.
Das Problem Alltäglicher Lebensführung liegt im Alltagswissen selbst. Es ist insofern ein doppeltes, nämlich dass das einstmals erarbeitete spannungsmindernde Handlungswissen, eben wegen seiner Erfolge der Problemlösung, sehr schnell ins Unter- bis Vorbewusste, weil dann eben allgemein gewusste, absackt und in seiner Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit unendlich lange dort verbleibt, bis es ganz eventuell durch neu aufkommende Spannungen oder Verwerfungen auf anderer Ebene wieder aktualisiert und – neue - Problemlösungen suchend, erneut handlungsleitend wird.
Alltagsroutine ist also einerseits verlässliches Fundament solcher Handlungsgrundlagen, die durch den Einsatz gebrauchsbewährter Methoden, Mittel und Maßnahmen fruchtbare Folgen in Form erwarteter nützlicher und befriedigender Erfüllung von Voraussagen und geglückter Problemlösungen zeitigen und damit im Ergebnis einen Beitrag zur Begründung alltäglichen Sicherheitsgefühls und Wohlbefindens leisten. Daraus aber entsteht dann ein zweites Problem, wenn nämlich ganze Gesellschaften in ihrem sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Alterungsprozess an verkarstetem (Regulations-, Normierung-, Kontroll-,) Alltagswissen sich selbst erstickten und damit sämtliches Alltagswissen einbüssten bevor in mühevoller Aufbauarbeit neues „Alltägliches“ in den Wissensfundus befördert wurde.
Alltag "wissenschaftlich" ist unklar, aber wissenschaftlich klar "informativ" |  |
Dem Alltag kommt Geschichtlichkeit, d.h. ihm kommen Merkmale der Unverwechselbarkeit, aber auch der Fortschreibung und Wandelbarkeit zu. Er ist eine Handlungsplattform (auf der Handeln, Denken, Erkennen, Begründen, Argumentieren), ein Handlungsraum (in dem Handlung etc.) und eine Art und Weise zu handeln etc. (wie Alltag stattfindet).
"Alltag" – wissenschaftlich gesehen – ist heute eine vielleicht nicht immer deutlich umrissene, aber jedem offensichtlich eigentümlich kenntliche und jedem völlig selbstverständlich geläufige Art und Weise des Handelns und Deutens spezifisch gesellschaftlichen Sachverhalte und des allgemeinen Welterlebens bzw. der Existenzialerfahrung. Beim alltäglichen Leben handelt es sich um eine grundlegende pragmatischer Einheit menschlichen Daseins, um das Wissen für das Tun oder Lassen der darin lebenden und arbeitenden Mensch, um das zwischenmenschliche Ordnungsverhältnis dieser Personen zu-, über- und untereinander, ihr Selbst- und Fremdverständnis und nicht zuletzt um die fast durchgängig von Sorge begleitete Sicherung und Gestaltung der Existenz, die wir zum Überleben zu leben genötigt sind.
Alltag entsteht aus der Verbundenheit des Menschen mit den Verbindlichkeiten des Alltags. Das Ursprüngliche des Alltags ist nicht die Sinnstiftung sondern das Gebundensein an die Existenzsicherung für die Gegenwart, wobei die Gegenwart des Alltags darauf angelegt ist, eine Differenz zwischen Vergangenem und Zukünftigem hervorzubringen. Solche Unterschiede, die einen Unterschied machen, heißen Information (Gregory Bates: Ökologie des Geistes, Frankfurt/M. 1981). Leben ist ein informationsgewinnender Prozess indem es Organismus und Umwelt miteinander koppelt. (Konrad Lorenz: Rückseite des Spiegels, 1984 ).
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