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Alltägliche Lebensführung und die antike Philosophie des Alltags: "subjektives Handeln auf Rezept" |  |
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Menschen haben schon immer für die herausragenden und einschneidenden Ereignisse ihres Lebens Gründe zwischen Himmel und Erde erfunden, erdacht und erlebt, die bei Körper, Geist und Seele das Natürliche mit dem Übernatürlichen, das Alltägliche mit dem Außergewöhnlichen, das Weltliche mit dem Göttlichen verbanden. Die menschliche Erfahrung hat zur Begründung ihrer alltäglichen Sicherheit immer einen Rahmen für die Wagnisse, Wirren und Wendungen des Daseins bereit gehalten, um Aufstieg und Fall , Liebe und Leid, Frust und Freud, Gehorsam und Eigensinn , Hingabe und Haß, Jammer und Jauchzen, Betrug und List, Überfluß und Mangel, Wohlstand und Armut, Ordnung und Unordnung, Recht und Unrecht, Schmerz und Schmähung, Tort und Tod bewältigen zu können.
Damit hat sich eine große Zahl weiser, wissender und wohlgelehrter Schriften befaßt, deren Urheber oft jene “Freunde der Einsicht” mit der “Liebe zur Weisheit” waren, die frühzeitig als Philosophen durch ihre Lehren und Lebensweisen auch unsere heutigen Weltanschauungen mit begründeten. Für sie ist “unter allem was erstrebenswert ist, das höchste die Weisheit, in der die Form des vollkommen Guten existiert. Die Weisheit erleuchtet den Menschen, so daß er sich selbst erkennen kann.” So schrieb Hugo von St. Viktor um 1125 in seinem in langer christlicher Tradition stehenden Wissenskompendium “Didascalicon de studio legendi”, als Grundlage seiner Wissenschaftslehre. Die Fähigkeit der Selbsterkenntnis - als Versuch der Heilung jenes durch den Sündenfall eingetretenen Verlustes eben dieser Erkenntnisfähigkeit – gilt als Charakteristikum des Menschen zum Unterscheid zu allen übrigen Lebenwesen, wobei Ziel und Absicht aller weisheitsgeleiteten Handlungen des Menschen darauf gerichtet sein müssen, “entweder die Unversehrtheit unserer Natur wieder herzustellen oder die Not der Mängel, denen unser gegenwärtiges Leben unterworfen ist, abzumildern...Die Vollkommenheit der menschlichen Natur aber wird durch zweierlei Dinge erzielt, nämlich durch Wissen und durch Tugend.” (Hugo von St. Viktor: Didasdalicon de studio legendi, Studienbuch lateinisch deutsch).
Für jedermann jener Zeit, Geistlicher oder Weltlicher, Eingeweihter oder Laie, Edler oder Einfacher; Bürger oder Bauern zeigte sich “Wissen” und „Weisheit“ schon in der Beherrschung irgendeiner geistigen und handwerklichen Fähigkeit. Vor allem zeigt sie sich in der Fähigkeit, den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen im eigenen Leben und im Zusammenleben der Menschen zu erkennen und das eigene Leben und das der Gemeinschaft diesen Erkenntnissen entsprechend zu gestalten und unter "Tugend" verstand man jeder Art Tüchtigkeit, Kraft, Brauchbarkeit, Vorbildliche Haltung.
Kultivierung des Alltags durch Oikonomia und diaeteia |  |
Eigentlich gehörten die Vorstellung von der verantwortliche Ausgestaltung des eigenen Lebens bereits zum Geist der antiken Lebenslehren für die Kultivierung des Alltags mit ihren Vorstellungen von Auf- und Abschwellen in Rhythmus und Regel, Maß und Takt, Bewegung und Ruhe. Bei jedem bis heute auch in Überlieferungen erhaltenen Werk kann man davon ausgehen, dass spätestens seit dem "Oikos" drauf steht, etwas über "Arbeit" drin, spätestens seit "diaeteia" draufsteht, etwas über "Lebensführung" mit drin steht. Die Hoffnung auf eine einigermaßen geglückte alltägliche Lebensführung bleibt denn auch solange unerfüllt, solange sie nicht einher geht mit einer zumindest partiellen Übereinstimmungen äußerer Gegebenheiten mit inneren Befindlichkeiten. Die Aufrechterhaltung einer leidlich stabilen alltäglichen Lebensführung kann vermutlich nur der für sich in Anspruch nehmen, der seine eigene Binnenstabilität durch eine zumindest in Ansätzen gelebte Deckungsgleichkeit von realen Bedingungen und eigener psychischer und sozialer Existenz dadurch herbeiführt, daß er sich in Lebenslagen nicht nur befindet sondern seine Lebensbedingungen, denen er nach Lebenserfahrung und Lebenspraxis gegenüber autark ist, selbst gestaltet.
In diesem Sinne waren seit griechischen Zeiten Regeln der Lebenskunde, Lebensordnung und Lebensführung für das eigene Alltagsleben fest miteinander verwoben in dem Verlangen nach optimaler Lebensgestaltung, der Freude am Großen und Ganzen und dem Wunsch ”zu sanieren, zu korrigieren, zu optimieren in und an einer Welt, in der nichts von Natur aus immer ganz und heil sein kann”, wie Heinrich Schipperges in ”Heilkunst als Lebenskunde” (Schipperges, 1990) beschreibt .
Der griechische Philosophen als hirnverbrannter Vordenker eines vollkommenen Menschen |  |
Diese Form von Philosophie vor allem griechischer Vorstellung, sieht den Philosophen als Vordenker eines vollkommenen Menschen, der als Weiser, Edler, Gebildeter, Anständiger sein Leben selbst meistert und das einmal als richtig Erkannte in seine Entscheidungen einfließen läßt. Andererseits weiß dieser Philosoph auch, daß die Mehrzahl der Menschen ”schlecht” ist, und er,”zufrieden sein muß, wenn die von ihm vorgeschlagenen pädagogischen und gesetzlichen Maßnahmen dazu führen, daß sich die Leute wenigstens äußerlich korrekt benehmen. Von der Mehrzahl der Menschen ein Verständnis ihrer Aufgabe zu erwarten, ist hirnverbrannt.” Dennoch bleibt der Philosoph allen Menschen verpflichtet, indem er Lebensregeln und Lehrsätze formuliert, die auch der gemeine aber gutmütige Mensch nicht missen möchte, wie es der Berner Philologe Olof Gigon Propyläen Weltgeschichte (Band 3 , 1962) einmal geschrieben hat.
Weil auf eigene Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse gegründete handlungspraktisch anwendbare Entscheidungsregeln und Zweckmäßigkeitsmotive die Handhabung von Alltagswelten leiten, steht pragmatisches Rezeptwissen, das sich auf Routineverrichtungen versteht, im gesellschaftlichen Wissensvorrat an hervorragender Stelle, denn es diente zu allen Zeiten der Befreiung, Befredigung und Bereicherung von Bedürfnissen.
G. W. Leipnitz und der Gebrauch der Sprache zum innerlichen Selbstgespräch |  |
In "Unvorgreiffliche Gedancken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der Teutschen Sprache" hat G. W. Leibnitz 1697 einen Ansatz dafür geboten, wie alltägliche menschliche Lebensführung zustande kommen und zusammenhängen kann. Im fünften Abschnitt, zeigt er an, daß mit dem Gebrauch der Sprache „die Worte nicht nur der Gedancken, sondern auch der Dinge Zeichen seyn“ und daß wir einerseits „Zeichen nöthig haben, nicht nur unsere Meynung andern anzudeuten, sondern auch unsern Gedancken selbst zu helffen“, andererseits Zeichen dringend brauchen, damit der Verstand „nicht nöthig habe, die Sache iedesmahl so offt sie vorkommt, von neuen zu bedencken. Daher wenn er sie einmahl wohl gefasset, begnügt er sich hernach offt, nicht nur in äusserlichen Reden, sondern auch in den Gedancken und innerlichen Selbst-Gespräch das Wort an die Stelle der Sache zu setzen“. Mit den „anderen“ sind andere Menschen, mit den „Zeichen“ sind Informationen und mit der „Sache“ Dinge in der uns umgebenden Umwelt bezeichnet. Im „Gebrauch der Sprache“ werden Handlungszusammenhänge, im „Kundtun der Meinung“, Sinnzusammenhänge, im „Bedenken der Sache“, Wissenszusammenhänge entworfen und verfaßt. Damit wir in Gedanken, Worten und Werken also spezifische Handlungs-, Wissens –und Sinnzusammenhänge herstellen können, brauchen wir uns und die anderen, Sachen und Dinge, Informationen und Beziehungen zwischen allen und allem.
Subjektives Signalesenden als Symbole für Sinn |  |
Hier steht offensichtlich das einzelne "Subjekt" als im Alltag handelndes und vor allem als signal-, symbol- und sinnverwendendes Wesen im Vordergrund: der Mensch entwirft und baut seinen Alltag mit Hilfe von sich selbst auf Grund der Bedeutung, die er den Menschen, Daten und Dingen seiner Umwelt, und die diese Menschen ihm in ihrer Umwelt beilegen und zumessen. Und mit Hilfe von Organisationen und Institutionen.
Alltägliche Lebensführung: der Aufbau von Institutionen und der Verlauf von Organisationen
Dem Hang, Institutionen einzurichten und Organisationen aufzubauen und bestehende umzuändern und zu erneuern, haben die Menschen seit Menschengedenken nachgegeben. Gleich und immer wieder neu war und ist daran, daß sich das Tempo, in dem das geschieht, rasant beschleunigte und die Instrumente, um Institutionen und Organisationen darauf einzurichten, sich dem anpassten.
Die Prozesse nach und mit denen sozio-kulturelle Strukturen wie Institutionen, Organisationen, Gesellschaften grundgelegt geschaffen, aufrechterhalten, ausgearbeitet und geändert werden, beinhaltet die immer neue Entwicklung und Entwerfung von Alternativen und deren Auswahl bei Konstruktion von Komplexität auf allen Strukturebenen von Systemen. Dies verweist gleichzeitig weniger auf die Vorrangigkeit zur Anlagerung von auf Dauer gestellten Stabilitätszustände sozio-kultureller Strukturen, vielmehr deuten sich hier eher ein „Fließcharakter“ und eine „Verlaufsform“ sozio-kultureller Strukturen an. (Buckley 1967)
So, wie bislang nahezu alle historisch abgewechselten Gesellschaftsformen die ihnen eigentümlichen Identitäten, Implikationen und Identifikationen, d. h. die sie mitbestimmenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen Protagonisten, Probleme, Prozesse und Projektionen im Zenit ihrer Integrationsfähigkeit überschritten, schafften sie, indem sie die alten Lösungspotentiale herkömmlicher Werte, Normen und Institutionen stornierten, transformierten und transzendierten, zugleich auch das Beiwerk und den Ballast neuer Bürden, Risiken und Konflikte für die kommenden Gesellschaften. Jede frühere Gesellschaftsform erreichte auf unterschiedlich iterative und kumulative Weise den Scheitelpunkt ihrer Bestandsfähigkeit, in jedem Falle aber durch Erreichung und Überschreitung der Grenzen politisch ihrer Legitimationsfähigkeit, ökonomisch ihrer Expansionsfähigkeit, kulturell ihrer Identifikationsfähigkeit und sozial ihrer Organisationsfähigkeit.
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